Das Forum der Sinti

Latcho Diewes
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 Betreff des Beitrags: "Zigeunerforscher"
BeitragVerfasst: 06.07.2011, 11:57 
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Hier Informationen über Ethnologen (Völkerkundler), die sich mit Sinti und Roma beschäftigen. Lehrstuhl Leipzig, Tziganologie.

Im NS wurden Tziganologen auch als "Rassenforscher bzw. Zigeunerforscher" bezeichnet.



http://de.wikipedia.org/wiki/Tsiganologie

http://de.wikipedia.org/wiki/Rassenhygi ... ungsstelle
http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhart_Stein
http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Ritter
http://de.wikipedia.org/wiki/Eva_Justin
http://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_W%C3%BCrth
http://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_Ehrhardt
http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Arnold_%28Arzt%29


Zuletzt geändert von Wankeli am 10.07.2011, 09:33, insgesamt 2-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 06.07.2011, 14:50 
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Dieses Forum wird unter anderem auch von "Zigeunerforscher" (Tziganologen) für pseudo wissentschaftliche Feldforschung genutzt, d.h. es werden Anfragen der Tziganologen zur kulturellen Lebensweisen an die Minderheit gestellt.


http://de.wikipedia.org/wiki/Tsiganologie

Aufgrund des NS nehmen die deutschen Sinti eine kritische Haltung zur "Zigeunerforschung" ein. Aktuelle pseudowissenschaftliche Forschungsergebnisse der Tziganologen aus Leipzig bestätitigen diese Zweifel:


Dr. Bernhard Streck a.D. Leiter und Gründer des Tziganologischen Lehrstuhls in Leipzig leugnet den Völkermord mit dem Argument, dass die Sinti und Roma nicht wie die Juden aus rassischen Gründen verfolgt und ermordet wurden, sondern vielmehr aus sozialhygienischen und präventiven Gründen.


"Seit den 1980er Jahren vertrat insbesondere Bernhard Streck zur Geschichte der Minderheit im Nationalsozialismus die Meinung, die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung sei weniger rasse- als vielmehr sozialpolitisch motiviert gewesen. Dem Regime sei es um die „Beseitigung von Mißständen, weniger von Personen“ gegangen. Eine Bewertung der Verbrechen an der Minderheit als Genozid wie die Shoa verbiete sich."

Die Tziganologen sehen Sinti und Roma nicht als integrierte Mitglieder der europäischen Gesellschaft, sondern vielmehr als Dienstleistungsnomaden. Auch der Eigenbegriff "Sinti oder Roma" wird von den Tziganologen gegenüber der Minderheit verweigert. Bewusst wird hierfür der Fremdbegriff "Zigeuner" verwendet, obwohl die europäische Staaten, die UNO, die OSZE, Menschenrechtsorganisationen und die Minderheit selbst den Eigenbegriff Sinti und Roma verwenden.

"Ausweislich der Angaben Bernhard Strecks versteht man „Zigeuner“ als „Dienstleistungsnomaden“. Streck sieht im Gruppenetikett einen „altehrwürdigen Begriff“. „Die seriöse Tsiganologie“ habe die „schwach legitimierte Umbenennung [zu Roma bzw. Sinti und Roma] nicht mitgemacht.“ Mit diesem Selbstverständnis stehen die Leipziger Tsiganologen erneut wie ihre Gießener Vorläufer in Konflikt mit den Selbstvertretungen der Minderheit. In der Forschung wird ihnen vorgeworfen, das alte antiziganistische Klischee vom "ewigen Zigeuner" zu reproduzieren."

Tziganologen wie Dr. Bernhard Streck und Dr. Hermann Arnold bzw. Mark Münzel beschuldigen die deutschen Sinti der Schattenwirtschaft und konspirativen Machenschaften.

Ich möchte die Völkerkunde nicht pauschal verurteilen. Die ethnologische Forschung hat auch viele positive Errungenschaften zu verzeichnen. Jedoch ist es nicht zu verantworten, dass in der Bundesrepublik nach dem NS Völkermord, wieder pseudo wissenschaftliche Untersuchnung an Sinti und Roma betrieben werden.


Zuletzt geändert von Wankeli am 14.10.2011, 10:55, insgesamt 5-mal geändert.

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 Betreff des Beitrags: Zigeunerforschung nach 1945
BeitragVerfasst: 03.10.2011, 20:02 
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"Zigeunerforschung nach 1945"

Die ethnologische Bearbeitung der Zigeuner" in Deutschland erfolgt seit ihrem Beginn vor 200 Jahren - unabhängig von einzelnen mehr oder weniger richtigen ethnographischen Elementen - bis heute immer wieder nach dem selben Paradigma:

Gesucht wird - in jeder Epoche wieder neu - der Zigeuner"; da dieser zudem im Unterschied zur Mehrheitsbevölkerung gesucht und abstrahiert wird, erfahren vermeintlich exotische Aspekte eine unverhältnismäßige Gewichtung. So produziert diese keineswegs verwerfliche Suche aber immer wieder dasselbe Ergebnis: der auf wesentliche Elemente abstrahierte Zigeuner" - umschrieben mit Begriffen wie reinrassig/Stammeszigeuner" / traditionell" (Block, Arnold), "tribal" / "nomadisch" (Tsiganologen) Nomaden" (Rao) wird als Gegenbild zur bürgerlichen Gesellschaft vorgestellt. Die Lebensweise der Minderheit und Mehrheit gelten den meisten Autoren als unvereinbar; wo Interaktion stattfindet, folgen rassistischer (Block, Arnold), kultureller Verfall bzw. ständige Kulturkonflikte oder kultureller Widerstand" (Tsiganologen).

Empirische Belege für die Ergebnisse werden in der Regel nicht geliefert; Aufschluß über ihre Feldforschungen erfolgt nicht - in den meisten Fällen wird es sich um unsystematische Besuche gehandelt haben, sodaß einem wissenschaftlichen Erfordernis nicht Genüge getan wurde; auch kommen Sinti und Roma kaum zu Wort.

Block täuschte, log, bestach..., Arnold äußert sich nur in einer Episode, die Tsiganologen meinten ganz auf Feldforschung verzichten zu müssen - es wird verdunkelt statt erhellt. Allein schon deswegen, weil der Aufenthalt lediglich aus dem Forschungszusammenhang des Wissenschaftlers heraus gestaltet wird.

Exotistische Selektivität verknüpft mit Projektionen, Erfindungen, Spekulation, Homogenisierung, fehlende intersubjektive Nachprüfbarkeit und einseitige Ausbeutung der Sinti und Roma zu Gunsten des Interessen- und Verwertungszusammenhangs des Forschers gehören bis heute zur Beschreibung der Zigeuner" - wobei nicht alle Aspekte auf jede/n Autor/in gleichermaßen zutreffen. Wir haben es in jedem Fall nur mit graduellen Unterschieden des immer gleichen Paradigmas zu tun.

Ein Wechsel des Paradigmas muß zwei Voraussetzungen erfüllen: die Forschung muß durch Sinti und Roma (mit-)gestaltet werden und/oder sie muß beiden Seiten von Vorteil sein; Sinti und Roma müssen Subjekte im Wissenschaftsbetrieb werden. Voraussetzungen und Ablauf eines Forschungsvorhabens müssen vorgestellt werden und damit intersubjektiv nachprüfbar und objektiv werden.

Wenn das emanzipatorische Moment der Bürgerrechtsbewegung und wissenschaftliches Instrumentarium im (auch öffentlichen) Diskurs zusammengeführt und institutionell verankert werden, wird man endlich über die Verhandlung des ewiggleichen Zigeuners" hinauskommen.


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 Betreff des Beitrags: Tziganologen schlagen wieder zu!
BeitragVerfasst: 17.11.2011, 13:43 
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Ausstellung der Tsignologen aus Leipzig in Hamburg!

http://www.abendblatt.de/kultur-live/ar ... artet.html

Die Tziganologen sprechen den europäischen Sinti und Roma ihre Heimatrechte ab. Für die Tziganologen sind Sinti und Roma vaterlandslose umherziehende Nomaden.

Gegendarstellung: Seit Jahrhunderten leben Sinti und Roma in Europa, wo sie in den einzelnen Ländern historisch gewachsene und alteingesessene Minderheiten bilden. Auch in Deutschland sind Sinti und Roma seit 600 Jahren beheimatet.


Die heute hier lebenden 70.000 deutschen Sinti und Roma sind eine nationale Minderheit und Bürger dieses Staates. In ihren Familien verwenden sie neben Deutsch als zweite Muttersprache ihre eigene Minderheitensprache Romanes.


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BeitragVerfasst: 24.06.2012, 12:03 
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Zur „Leipziger Schule“ um Prof. Dr. Bernhard Streck – eine notwendige
Auseinandersetzung mit deutschen Zigeunerforschern.

Eine Perspektive, die wir für falsch halten
Die Perspektive der Beiträge in Shutka Shukar ist nicht
ausnahmslos, aber doch durchgängig die der Leipziger
Schule der Zigeunerforschung, die eine Bernhard-
Streck-Schule ist. Die Blickweise ihres Begründers,
wie er sie in unterschiedlichen Modifi kationen zeit
seiner universitären Lebensgeschichte vertrat, wie
er sie auf seinem Weg vom Gießener „Projekt für
Tsiganologie“ zum Leipziger „Forum tsiganologische
Forschung“ im Gepäck hatte, nahm im Fachdiskurs
stets eine Sonderstellung ein. Sie stieß von Anbeginn
auf entschiedenen Widerspruch. Dazu hat die
Kulturwissenschaftlerin Katrin Reemtsma mit Blick
auf den Giessener Vorläufer bereits 1996 das Wort
gesprochen: Das „herausragende Merkmal“ des „von
den Projektmitgliedern gezeichnete[n] Bild[s]“ sei „die
Aufrechterhaltung des jahrhundertealten populären
Stereotyps von der angeblichen Fremdheit der Sinti
und Roma“. In dieser Kritik fi nden wir uns wieder.
Zuschreibungen von Persönlichkeitseigenschaften, die
auf die Gesamtheit aller als „Zigeuner“ Etikettierten,
auf alle Roma oder auch nur auf alle Angehörigen
einer der Teilgruppen passen und die über Zeit und
Raum hinaus gültig sein sollen, die fi nden wir nicht
sinnvoll. Ethnisch gemeinte Zuschreibungen, die
Minderheiten und Mehrheiten als jeweils grundlegend
andersartig antagonistisch gegeneinander abgrenzen,
können jenseits unüberlegter Alltagssätze über „die“
„Zigeuner“, „die“ Deutschen, „die“ Franzosen, „die“
Juden usw. nicht überzeugen. Es sind bei allem verbalen
und theoretischen Begleitgeklingel schlichteste
Konstrukte, weit weg von historisch-prozesshafter,
komplexer sozialer und kultureller Wirklichkeit. Nicht
alle, aber zahlreiche Beiträge in der rezensierten
Schrift vertreten diese simple Beschreibungsweise, aus
der sich die Kulturwissenschaften in Abwendung von
der „Völkerkunde“ alter Schule seit längerem verabschiedeten.
Leipziger Schule und Alltagssprüche
Wie im überkommenen Alltagsverständnis lehnen
auch die in Leipzig konstruierten „Zigeuner“
produktive Arbeit ab. Sie tummeln sich trickreich
betrügerisch in der „Schattenwirtschaft“. Sie ignorieren
normative Grenzziehungen, leben in „Nischen“,
„Winkeln“, „Verstecken“, „Schattenwelten“ einer
„Kontrastkultur“, von wo aus sie seit biblischen Zeiten
wildbeuterisch „die Ressourcen der sozialen Umwelt“
abweiden würden. Die Konkretisierungen von
Fremdheit und Andersartigkeit durch die Leipziger
Zigeunerforschung sind – in Übereinstimmung mit
alltagstheoretischen Zigeunerbildern – negativ konnotiert.
Sie denunzieren.
Beispielhaft für diese Sichtweise ist Strecks rassistische
Übertragung einer Fabel von Jean de La Fontaine
auf die verschiedenen Gruppen der Minderheit. Den
„Ameisen“, die hart arbeiten und vorsorgend zurücklegen
würden, stellt er die „Grillen“ gegenüber.1 Die
machten sich einen schönen Tag, tanzten, fi edelten
und feierten. In schlechten Zeiten wollten sie dann in
eine aus den Ressourcen der „Ameisen“ geschaff ene
Hängematte aufgenommen werden. Die lehnten es
ab, dass man ihnen auf der Tasche liege, woraufhin die
„Grillen“ sich hinterrücks parasitär über das Eigentum
der „Ameisen“ hermachten. „Die Grille bekommt von
der Ameise“, so Streck, „nichts freiwillig, aber sie überlebt
den Winter trotzdem.“
Die Grundüberlegungen in der streckschen Adaption
der bekannten Fabel gehören zum Kernbestand einer
auf Ausschluss gerichteten inzwischen ausgemusterten
Zigeuner- und Asozialenforschung. Zugleich gehören
sie bis heute zum Sprücherepertoire einer populistischen
Propaganda gegen migrantische und nichtmigrantische
Angehörige der Unterschichten. Dabei
werden jeweils pauschale ethnische Zuschreibungen
in den Vordergrund gerückt. Sie treten an die Stelle
sozioökonomischer Ursachenforschung. Genau das ist
es, was auch Streck hier betreibt.

An der sozialen Lage der Roma und an der
Frage nach deren Veränderung ist die Leipziger
Zigeunerforschung ebenso wenig interessiert, wie
ihre älteren Vorgänger es waren. Das ergibt sich schon
aus der ethnografi schen Prämisse vom statischen
Kollektivcharakter der „zigeunerischen Lebensweise“.
„Aneignende Wirtschaft“ stehe gegen „produzierende
Wirtschaft“, so Streck zum Verhältnis einer fi ktiven
Minderheits- zu einer fi ktiven Mehrheitsökonomie.
Raff ende Minderheit gegen schaff ende Mehrheit, die
einen wie die anderen durch ethnische Zugehörigkeit
fi xiert.
Der Leser weiß, auch ohne dass Namen fallen, stets,
von welchen Minderheiten und von welcher Mehrheit
jeweils die Rede ist. Antiziganistische Bilder funktionieren,
wie wir es von antisemitischen Bildern kennen,
„als abrufbare Codes.“2
Eine Streck-Schülerin konturiert diese Variante von
Ethnoökonomie einen Grad schärfer: „... im Vergleich
zu klassischen, Nahrungsmittel produzierenden
Gruppen, stellen Zigeuner ihre Nahrung nicht selbst
her.“4 Eine der realen Welt komplett entrückte, mit
dem Aufkommen des modernen Antisemitismus aber
immer beliebter werdende Idee. Es „’wandern’ um
1900, so Klaus-Michael Bogdal, „immer mehr antisemitische
Vorurteile in die Darstellung der Zigeuner
ein“. „Anzahl und Bedeutung“ von Aussagen hätten
in diesen und den Folgejahrzehnten zugenommen,
„in denen die ... produktive Wirtschaftsleistung der als
Kerneuropäer angesehenen Völker dem parasitären
und unproduktiven Verhalten der Zigeuner und Juden
gegenübergestellt wird.“5
„Roma sind“, so kategorisch dieselbe Autorin in
Shutka Shukar, „nicht nur fl iegende Teppichhändler,
sondern auch fl iegende Wort-Händler“. Sie seien
„professionelle Schauspieler“, „Chamäleons“.
Kommunikation sei für Roma „Schauspielerei“. Um
Handel, Bühnenauftritt, Farbanpassung als reales
Geschehen geht es nicht. Es geht um ethnisch markierte
Persönlichkeitstypen, um den Gesamtcharakter
einer ethnischen Minderheit. Kennt man einen, kennt
man alle. Auch hier wieder in Übereinstimmung mit
Judenbildern.
Aussagen wie die zitierten lassen es an Bereitschaft
und/oder Fähigkeit zur Abgrenzung fehlen: von
Denkfi guren, wie sie im Nationalsozialismus in
Wissenschaft und Politik dominant waren. Dass Streck
auf diesem Feld grenzgängerisch und nicht ohne eine
ziemlich eklige Koketterie unterwegs ist, das ist ihm
schon von Katrin Reemtsma, Romani Rose, Wolfgang
Wippermann oder Michael Zimmermann („Sprache,
die bisweilen einer Apologie des Massenmordes nachkam“)
vorgehalten worden.5 Er hat das nie zu widerlegen
versucht, vielmehr fällt auf, dass er bis heute zwei
einschlägige Autoren regelmäßig in seine Schriften mit
aufnimmt, die im Fachdiskurs als Rassisten und folglich
als nicht mehr zitierfähig gelten:
– Robert Ritter, der seit 1936 als Leiter der
Rassenbiologischen Forschungsstelle und des
Zigeunersippenarchivs dem – so Streck bagatellisierend
– Wunsch der damaligen „Behörden
nach wissenschaftlichem Beistand“6 nachgekommen
sei. Politik- und Verwaltungsberatung
bei Erfassung, Verfolgung und Vernichtung der
von diesen Wissenschaftlern zu „Zigeunern“
und „Zigeunermischlingen“ Rassifi zierten.
Rein wissenschaftlich tätig gewesen zu sein,
behauptete bereits Ritter nach dem Ende des
Nationalsozialismus, als gegen ihn ermittelt wurde.

– So stellte es auch Hermann Arnold dar, postnationalsozialistischer
„Tsiganologe“ (Streck) und
Erbhygieniker wie Ritter, der sich jahrzehntelang
als dessen Weißwäscher betätigte.
Um noch einmal auf die schlecht organisierte und
faule Grille im schummrigen „Zwischenraum“ einerseits
und auf die bestens organisierte fl eißige
Ameisengesellschaft andererseits zurückzukommen:
Ließe sich nicht sagen, dass den Bewohnern des
Zwischenraums „die Anpassung an neue Verhältnisse,
die Arbeit, Vorsorge und Planung erforderten“, einfach
„nicht gelang“? Dass indessen aber doch mindestens
in den vergangenen Zeiten „die Menschen dieses
Schlages“ angenehmerweise „ein ungebundenes
Leben außerhalb aller dauerhaft organisierten und
kontrollierten Gemeinwesen (führten)“, wenn sie auch
„auf die Güter der Seßhaften angewiesen“ blieben?
„Das, was sich aus dem Walde oder vom Felde nicht
mitnehmen ließ, musste geraubt, gestohlen, erschlichen,
ergaunert oder erbettelt werden“, wie Robert
Ritter von „Zigeunern und Landfahrern“ sagte?7 Als
„Bandenführer“, Räuber“, „Kriminellengruppen“
eigneten sie sich das Notwendige (und auch mehr)
eben an, nicht zuletzt also durch „kriminelle
Machenschaften“, die „Zigeuner“ aus der „gesellschaftlichen
Grauzone“, dem „Niemandsland“, die ja
doch bis in die jüngste Vergangenheit für sie immer
ein echter „Freiraum“ und geeigneter Fluchtraum gewesen
seien?8 Ritter bzw. Streck zeigen sich jedenfalls
davon – jeder mit seinen Worten – fest überzeugt.
Sozioökonomische und soziokulturelle Kategorien
und Erklärungsansätze haben in der Vorstellungswelt
von Streck, Arnold oder Ritter nichts zu suchen. Sie
werden auf ethnisch gebürstet. Das ist alles andere
als unideologisch und unpolitisch, wie die Sprecher
der Leipziger Schule gerne ihr Selbstverständnis
beschreiben. Es ist, auch wenn dieser Hut als große
wissenschaftliche Innovation herausgeputzt wird, im
Grundsatz kein bisschen neu.

Selbstzeugnis
Die Verfasser erklären, ihr „Lesebuch“ sei keine
wissenschaftliche Publikation, wiewohl sie es andererseits
durch den Publikationsort (Leipziger
Universitätsverlag/“Arbeiten aus dem Institut für
Ethnologie der Universität Leipzig“) und Zitierungen
in Nachfolgeschriften als eine solche ausweisen.
Tatsächlich standen wissenschaftlichem Forschen
bereits die Rahmenbedingungen beim Aufenthalt der
Leipziger Gruppe in Shuto Orizari entgegen.
– „Das ganze Geld, das sie [die Leipziger] uns geben
mussten“, wunderte sich eine Romni in Shutka
über die Gaben aus Leipzig. Feld und Geld reimen
sich, aus der Sicht seriöser Feldforschung passen
sie nicht so gut zusammen.

– Ihre „rudimentären Wortfetzen aus dem Romani“
beklagte eine als besonders sprachkompetent geltende
(siehe Leserbrief Mark Münzel) Leipzigerin.
Ihre Defi zite sind am grammatischen Umgang
mit dem Ethnonym Roma in Shutka Shukar
nachlesbar. Schlechte Voraussetzungen für das
Verständnis nicht nur sprachlicher Vorgänge.

– Ernsthafte Empirie kann Shutka Shukar nicht
vorweisen. Als Empiriesurrogat dienen selektiv
wahrgenommene Einzelereignisse auf der
Mikroebene, die sich im Sinne des Dogmas von
der „zigeunerischen Lebensweise“ verwerten lassen
und zu diesem Zweck unzulässig verallgemeinert
werden. Das Buch sei „eine Ansammlung von
Belanglosigkeiten bzw. ein zuweilen verzweifeltes
Herumstochern im Nichts auf der Suche nach `zigeunerischen`
Elementen“, so aus einer Zuschrift
an Nevipe, die auf jahrelange Vertrautheit mit den
Verhältnissen in Shuto Orizari gründet.

– Das mit Roma Erlebte steht für sich. Ethnisch anders
ausgewiesene Bewohner von Shuto Orizari
in vergleichbarer sozialer Lage, die das angeblich
Zigeunertypische in Frage stellen könnten, blieben
außerhalb des ethnologischen Blickfelds.
Nein, Shutka Shukar dokumentiert nicht das „typische“
Leben der verschiedenen Roma-Minderheiten
dort, es dokumentiert das Selbstverständnis der
Verfasser und des Herausgebers als Zigeunerforscher,
deren spezifi sche Sicht- und Arbeitsweisen. Die Frage
nach dem wissenschaftlichen Wert des Buchs mag
jeder beantworten, wie er will. Wir können einen solchen
Wert nicht erkennen. Allerdings, einen anderen
Wert hat es: als Selbstzeugnis von Lehren und Lernen
in dieser Schule.
Lehrerrolle - Schülerrolle
Vielleicht betonte die Rezension zu sehr die Aussagen
der Schüler und ging zu wenig auf den Lehrer ein?
Könnte sein, daher auch das Nachwort, dass der
Lehrer an manchen Stellen hätte intervenieren
sollen: dort, wo möglicherweise ein studentisches
Bemühen um hochliterarische Textgestaltung in der
Konfusion landete, dort, wo Allgemeinaussagen von
Studierenden über „Zigeuner“ ins Antisemitische
wegrutschten.
In einer persönlichen Zuschrift nicht an Nevipe,
sondern an den Rezensenten wandte Streck sich
gegen die Feststellung, bestimmte abwertende
Zigeunerbilder in Shutka Shukar seien auch als antisemitische
Judenbilder bekannt. Hätte der Lehrer
seine Schüler nicht besser frühzeitig vor der Falle
des Antisemitismus, vor „missverständlichen“
Formulierungen, gewarnt und gegebenenfalls eingegriff
en? Es ist doch bekannt, dass ethnisch typisierende
mehrheitsgesellschaftliche Beschreibungen
von Juden ein Grundmerkmal des Antisemitismus
sind und dass sie sich mit ethnisch typisierenden
Beschreibungen von „Zigeunern“ überschneiden
können? Wenn es auch einen Unterschied gibt.
Der liegt nicht im Inhalt, sondern in der Rezeption.
Antisemitische Sentenzen ziehen scharfe Kritik und
die Gefahr des Verlusts der Diskursfähigkeit auf sich,
antiziganistische treff en bei vielen Hörern und Lesern
auf Beifall. Es störte Streck allein, dass Aussagen von
Shutka Shukar-Autoren als auch gegen Juden gerichtet
beschrieben wurden. Dass sie gegen Roma gerichtet
sind, dagegen hatte Streck nichts einzuwenden.
Worum ging es ihm überhaupt mit seiner Gegenkritik?
Unter dem Strich ist zu sagen, der Leipziger Verlag
hätte sich besser dem Publikationswunsch der
Gruppe verweigert, wie es der Beck-Verlag gegenüber
Streck im vergangenen Jahr tat. Seine Schrift
Zigeuner. Geschichte und Kultur, Essenz seiner
Zigeunerforschung, bestand die fachliche Prüfung
am Ende nicht. Der Verlag entschied sich daher, die
bereits angekündigte und unmittelbar vor dem Druck
stehende Publikation doch wieder abzusagen. Sicher
keine leichte, aber u. E. eine richtige Entscheidung.
Das Buch hätte die Nachfolge von Katrin Reemtsmas
Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart
von 1996 in derselben Reihe angetreten. Das wäre
ein verheerendes Zeichen gewesen, nämlich der
Rückkehr eines Wiedergängers einer tief diskreditierten
„Zigeunerforschung“ vergangener Zeiten. Und es
hätte den erfreulicherweise gänzlich unzutreff enden
Eindruck vermittelt, die Zigeunerforscher der Streck-
Schule repräsentierten einsam die Wissenschaft in
diesem Diskursfeld.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 02.12.2012, 11:32 
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Juden wurden im NS aufgrund ihrer religiösen Identität erfasst, deportiert und ermordet. Die deutschen Sinti und Roma waren Christen. Für die Erfassung der "Zigeuner" wurde gesondert eine Rassenhygienische Forschungsstelle eingerichtet.

Das nachfolgende tziganologische Insititut in Leipzig leugnet den Völkermord an den Sinti und Roma aus rassischen Gründen:

"Seit den 1980er Jahren vertrat insbesondere Bernhard Streck zur Geschichte der Minderheit im Nationalsozialismus die Meinung, die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung sei weniger rasse- als vielmehr sozialpolitisch motiviert gewesen. Dem Regime sei es um die „Beseitigung von Mißständen, weniger von Personen“ gegangen. Eine Bewertung der Verbrechen an der Minderheit als Genozid wie die Shoa verbiete sich."

Ich empfinde diese Aussage als einen unfassbaren Skandal! Ich habe über 30 Menschen aus meiner Familie im Holocaust verloren. Es ist einfach nicht fair, dass dieser Vorfall in der Öffentlichkeit ungehört blieb. Hingegen wenn der jüdische Holocaust geleugnet wird, gibt es weltweit in allen Medien einen moralischen Aufschrei. Gegenüber dem Antisemitismus gibt es in Deutschland eine sensibilittät, die es beim Antiziganismus nicht gibt.

Die Aussage von Dr. Bernhard Streck, Leiter des Lehrstuhl für Tsiganologie an der Uni Leipzig, diffamiert die Holocaustopfer der Sinti und Roma schwer. Nach seiner Auffassung sind nur die Sinti und Roma in die KZ Lager gekommen, die kriminel und asozial waren.


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 Betreff des Beitrags:
BeitragVerfasst: 02.12.2012, 11:36 
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Registriert: 15.12.2009, 19:54
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Aufgrund des NS nehmen die deutschen Sinti eine kritische Haltung zur "Zigeunerforschung" ein. Aktuelle pseudowissenschaftliche Forschungsergebnisse der Tziganologen aus Leipzig bestätitigen diese Zweifel:


Dr. Bernhard Streck a.D. Leiter und Gründer des Tziganologischen Lehrstuhls in Leipzig leugnet den Holocaust mit dem Argument, dass die Sinti und Roma nicht wie die Juden aus rassischen Gründen verfolgt und ermordet wurden, sondern vielmehr aus sozialhygienischen und präventiven Gründen. Dies stellt eine unfassbare Beleidigung der Toten und Überlebenden des Holoclaust dar.

"Seit den 1980er Jahren vertrat insbesondere Bernhard Streck zur Geschichte der Minderheit im Nationalsozialismus die Meinung, die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung sei weniger rasse- als vielmehr sozialpolitisch motiviert gewesen. Dem Regime sei es um die „Beseitigung von Mißständen, weniger von Personen“ gegangen. Eine Bewertung der Verbrechen an der Minderheit als Genozid wie die Shoa verbiete sich."

Die Tziganologen sehen Sinti und Roma nicht als integrierte Mitglieder der europäischen Gesellschaft, sondern vielmehr als Dienstleistungsnomaden. Auch der Eigenbegriff "Sinti oder Roma" wird von den Tziganologen gegenüber der Minderheit verweigert. Bewusst wird hierfür der Fremdbegriff "Zigeuner" verwendet, obwohl die europäische Staaten, die UNO, die UNESCO, Menschenrechtsorganisationen und die Minderheit selbst den Eigenbegriff Sinti und Roma verwenden.

"Ausweislich der Angaben Bernhard Strecks versteht man „Zigeuner“ als „Dienstleistungsnomaden“. Streck sieht im Gruppenetikett einen „altehrwürdigen Begriff“. „Die seriöse Tsiganologie“ habe die „schwach legitimierte Umbenennung [zu Roma bzw. Sinti und Roma] nicht mitgemacht.“ Mit diesem Selbstverständnis stehen die Leipziger Tsiganologen erneut wie ihre Gießener Vorläufer in Konflikt mit den Selbstvertretungen der Minderheit. In der Forschung wird ihnen vorgeworfen, das alte antiziganistische Klischee vom "ewigen Zigeuner" zu reproduzieren."


Ich möchte die Völkerkunde nicht pauschal verurteilen. Die ethnologische Forschung hat auch viele positive Errungenschaften zu verzeichnen. Jedoch ist es nicht zu verantworten, dass in der Bundesrepublik nach dem NS Völkermord, wieder wissenschaftliche Untersuchnung an Sinti und Roma betrieben werden.


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